müller martin müller
 
 

Mein kleiner Chef

Er stiert über seine ausquellenden Nasenhaare auf den Knopf der Ihm den Fahrstuhl bringen soll.
Ich war von hinten an Ihn herangetreten und hatte guten Morgen gesagt.
Woraufhin er den eben erwähnten Knopf weiter gedrückt hielt, das Licht über dem Knopf anschaute, das nicht aufleuchten wollte, und Ihm somit anzeigte: Der Fahrstuhl ist nicht da, noch nicht, immer noch nicht, weshalb er schließlich „hmhm“ sagte, was, glaube ich, guten Morgen heißen sollte. Nach unserer letzten Diskussion verspürt er wohl keine Lust mehr mit mir Kontakt aufzunehmen.
Um den Knopf herum ist so ein roter, schmaler Ring der leuchten kann, der das im Moment auch tut und meinem Chef somit anzeigt, dass er den Fahrstuhl gerufen hat. Mit dem Knopf. Er braucht ihn also nicht noch weiter zu drücken, das ist vollkommen sinnlos, das ändert an der Zeit, die der Fahrstuhl braucht, um zu meinem Chef zu kommen und Ihm die Tür zu öffnen nichts.
Das weiß mein Chef. Und er weiß wahrscheinlich auch, dass ich das weiß. Er weiß aber auch dass es jetzt zu spät ist den Knopf loszulassen.
Also tut er nichts als seine Nasenhaare wachsen lassen und den Knopf anstarren. Der Knopf befindet sich, obwohl mein Chef nicht sehr groß ist, unglücklicherweise in Bauchnabelhöhe, mein Chef muss also nach unten schauen, steht leicht gebeugt, was mit einem neben dem Körper hängenden Arm unvorteilhaft aussieht. Er ist nicht nur mein Chef, er ist auch noch Vorsitzender und Teilhaber vieler Räte und Vereine. Weltweit. Und jetzt steht er gebeugt da, guckt einen Fahrstuhlknopf an und drückt ihn dauerhaft.
Wenn über der Tür des Fahrstuhls eine Anzeige wäre, mit Leuchtziffern die meinem Chef sagen würden, wo sich sein Fahrstuhl gerade befindet, könnte er jetzt weltmännisch die Arme hinter dem Rücken verschränken, nach oben blicken und denken: „Aha! Im ersten Stock hält er noch mal an.“ Vielleicht auch hmhm zu mir sagen, was dann heißen würde, das dauert mir zu lang, ich nehme die Treppe und die Treppe nehmen.
Er könnte sogar einen Witz machen, alla „Da wollen wir doch mal sehen wer hier seinen Chef so lange warten lässt.“ Und ich müsste dann lachen und dürfte nicht sagen: Der Fahrstuhl. Das ist die Tür zu eben dem.
Vor großen Gruppen macht er gerne eine spaßhafte Bemerkung, drückt danach lässig das Kreuz durch, (verschränkt die Arme hinter dem Rücken), setzt ein verschmitztes Seniorenlächeln auf und blickt in die Runde. Damit sich niemand gezwungen fühlt, schaut er keinem direkt in die Augen. Einer lacht immer! Und das steckt dann die anderen an. Mein Chef steht da, lächelt, schaut nach oben. (Dahin wo sich die Leuchtziffern der Etagenanzeige befinden sollten.) Am Ende herrscht im Saal große Heiterkeit und alle finden den Witz richtig gut.
Auf Grund der wesentlich unsicheren Lachlage bei Einzelpersonen macht mein Chef jetzt keinen Witz, das hat Ihn sein langes Chefleben gelehrt.
Es könnte ja auch mitten im Witz die Fahrstuhltür aufgehen. Einer oder mehrere weitere Angestellte würden meinen Chef grundlos lächeln sehen, ich würde nicht lachen, weil ich durch das Öffnen der Fahrstuhltür abgelenkt wäre und die Fahrstuhlfahrer würden vielleicht zum Betriebsrat gehen, weil der Chef sie auslacht. Vor anderen Kollegen. Einfach so. Und der Betriebsrat, der natürliche Feind des Gruppenwitzemacherchefs würde eine Versammlung einberufen mit ihm. Über ihn. Als Einzelperson. Kein Termin in seiner wichtigen großen fernen weiten Welt könnte da zur Flucht verhelfen.
Oder die Fahrstuhlfahrer würden einfach denken jetzt ist der Chef senil geworden. Würden höflich guten Morgen sagen, schnell in den grauen Fluren verschwinden, hinter furnierten Bürotüren, über den Anblick des Chefs lachen und an einer eigenen Chefseinbewerbung feilen.
Grundlos lächeln ist der Anfang vom Ende des Chefseins. Das weiß er. Hat er nicht gemacht. Wird er auch nie machen. Auch nicht jetzt, wo sich die Fahrstuhltür öffnet und drei Mitarbeiter, zwei Frauen in den Dreißigern und ein leitender Angestellter um die Fünfzig aussteigen. Zweimal Sex und einmal Karriere. Denkt mein Chef, hält weiterhin den Fahrstuhlknopf gedrückt, starrt ihn an, nur nicht grundlos lächeln, vergisst das dreimal guten Morgen zu beantworten, schaut einfach weiter auf den Knopf und hofft dass es keiner merkt.
Weiß aber dass es alle bemerkt haben. Um Chef zu werden und zu bleiben muss man eine gesteigerte Aufmerksamkeit für das Wahrnehmungsvermögen anderer haben, sonst fällt einem schnell jemand in den Rücken. Hatte er, hat er immer noch. Nur das Reaktionsvermögen scheint sich gerade in Luft aufgelöst zu haben. Die Mitarbeiter zögern kurz und gehen dann in ihre Büros.
Mein Chef hält den Knopf gedrückt, die Fahrstuhltür schließt sich.
Die Fahrstuhltür öffnet sich.
Die Fahrstuhltür schließt sich.
Die Fahrstuhltür öffnet sich. Ich steige ein. drücke auf E.
Die Fahrstuhltür schließt sich.
Die Fahrstuhltür öffnet sich. Ich sehe meinen Chef, den Knopf gedrückt, den Kopf gebeugt, den Blick auf den Knopf geheftet.
Die Fahrstuhltür schließt sich. Ich fasse einen Entschluss.
Nachdem sich die Fahrstuhltür wieder geöffnet hat gehe ich zu meinem Chef, nehme ihn sanft an den Schultern, hebe ihn vom Knopf weg, er ist ganz leicht. Ich stelle ihn so ab, dass man ungehindert in den Fahrstuhl kommt, fahre ins Erdgeschoss und genehmige mir in der Kantine ein Glas Sekt.
Mein Chef steht immer noch dort, er scheint sich von allem Materiellen gelöst zu haben, auch die Nasenhaare haben aufgehört zu wachsen. Nur nachts, wenn es ganz still ist, kann man seinen Atem hören. Sonst nichts.
Ab und zu stellt ihn ein Spaßvogel um, so dass er auf irgendetwas im Gang zeigt, oder hängt etwas über seinen Finger, einmal war es sogar ein gebrauchtes Kondom. Der Täter wurde aber gefasst und von meinem neuen Chef gefeuert.
Seitdem ist es ruhig geworden um meinen kleinen alten Chef.


Wenn

Wenn Popel Populisten wählen
Rümpft das Establishment die Nase
Der Populismus ist nicht Gutes
Sagt uns dann Frau Osterhase

Wenn eben jene auch einmal
ihr Rückgrat wie ein Fähnchen wendet
und längst beschlossenes vor der Wahl
sehr populistisch zweckverfremdet

Dann war das doch im Dienst der Massen
Dafür kann man sie doch nicht hassen
Das muss sie tun Frau Osterhase
Sonst macht der Wähler ihr ne Nase.

Das ist mitnichten Populismus
das ist Frau Hases Altruismus.

Drum, wenn ihr Populisten kritisiert
fragt euch, ob nicht so mancher längst regiert.


JACOBSMUSCHELCARPACCIO

Jacobsmuscheln ohne Rogen (der rote Anhang) im Gefrierfach anfrieren oder wenn tiefgefroren
rausnehmen und kurz antauen. (Mit Wasser abspülen reicht meist schon.)
Mit scharfem Messer dünne Scheiben abschneiden und auf Teller verteilen.
Rosa Pfeffer (oder rosa Beeren genannt, da es kein echter Pfeffer ist) im Mörser zerstoßen und über dem Muschelfleisch verteilen.
Zitrone mit Olivenöl (selbstverständlich gutem) verquirlen und auf das Carpaccio träufeln. (Keinen Muschelsee veranstalten, lieber Mischung dazustellen, dann kann man nach Belieben nachträufeln.)
Meersalz darüber streuen.
Direkt Essen, sollte nicht warm werden.


PROBENPAUSCHALE

Dramaturgen sitze mir im Nacken
genau genommen nur einer von der Masse
her zwei von der Intensität der Anwesenheit
her null macht im Schnitt wieder einen.
Ein Stück Fleisch das eigentlich doch Kopf
sein will vielleicht auch ist aber dann
im Geheimen da außer einem leer in
die Luft gesprochenen "gn morgn" seinem
Schädel noch nichts entwichen ist.
Jetzt sitzt er schräg hinter mir.
Bohrt in der Nase.
Es fällt mir schwer zu glauben
dass er in seiner Anwesenheit einen Sinn
sieht sein Blick suggeriert Wüste.
Ob wir ob er das Stück der Regisseur
Teil seines Gehirnstaates sind
ich weiß es nicht.
Was wenn ich ihn mal frage?
Kam mir noch gar nicht in den Sinn
das Fleisch zum reden überreden.
Jetzt weiß ich aber gar nicht wie man
sich an es wendet.
Das "gn mrgn" kommt nur so
ist nie eine Replik auf eine freundliche Begrüßung
meinerseits.
Vielleicht muss man irgendwo was einwerfen
oder schütten
ne Tasse Kaffee übern Kopf
der Mund bleibt ja geschlossen.
Zum Tritt in den Hintern fühle ich mich
nicht bemessen mein zarter Fuß wird
kaum den Stamm besitzen
das Sitzfett zu durchdringen
bis hin zu irgendwelchen Rezeptoren
die Schmerzen suggerieren oder einfach HALLO.

Über die Augen kommt man leider nicht nach innen.
In einer Probe flog einmal
ein großes Stück von harter Konsistenz
in Reclam Taschenbuchbreite an seinem Kopf vorüber.

Nichts

Die Augen waren offen
blieben es
Pupillen
stramm geradeaus
blickt er in eine andere Welt
die fern der meinen bleiben will.